Gewirr
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Auf dem Weg zu einer Allgemeinen Pädagogik ohne Rest
Auf dem Weg zu einer Allgemeinen Pädagogik ohne Rest 

Peter Rödler

Corona  (Mai 2020) –
der Aufstand der Rechthaber und das Ende der Pippi Langstrumpf Ära (> als PDF)

Für jedes komplexe Problem

gibt es immer eine einfache Antwort,

die klar ist, einleuchtend und falsch.

H.L. Mencken (Frances 2013, S. 293)

 

Beobachtung am Opernplatz/FFM am Samstag 25.4.20

Ich habe noch die Diskussion mit meinem Bruder vor einigen Tagen im Sinn, in wie fern es legitim ist, durch gezieltes ‚Angst machen‘ eine hohe Beteiligung an den Quarantäne­maßnahmen in der Bevölkerung zu erzeugen, wie es in dem geleakten Strategie Papier des BMI zur Corona Krise unteranderem von einem externen Think-Tank vorgeschlagen wird.

   Nun schauen ich also an einem weiteren wunderschönen ‚Sommertag im Frühjahr‘ auf den Opernplatz hinunter. Dort wo noch vor einer Woche auch an solchen Tagen gähnende Leere war und nur wenige einzelne Fußgänger oder Radfahrer und hie und da offensichtliche Familien zu sehen waren, ist heute, wohl in Folge allein der öffentlichen Diskussion um eine mögliche Lockerung der Maßnahmen, Volksfeststimmung. Die Menschen sitzen oder stehen in kleinen und größeren Gruppen zusammen und genießen die Sonne. Einige haben sich bei den anliegenden Restaurants mit Togo-Pizza und Togo-Wein versorgt und sitzen nun Kreisen wie um Lagerfeuer.

   Da auch eine Demonstration angekündigt war, hallt für eine gute Stunde ca. alle 10 Minuten die Bitte über den Platz, doch eine(n) Verantwortliche(n) dafür zu benennen, um das auch formell als Demonstration ablaufen lassen zu können. Da sich niemand meldete stellte der Lautsprecher fest, dass die Polizei nun von einem ‚Auflauf‘ ausgehen müsse und deshalb das Infektionsschutzgesetz zur Anwendung käme und die Polizei nun in dessen Sinne tätig werden müsste. So gingen die Polizisten von Gruppe zu Gruppe und versuchten wohl die Beteiligten zur Auflösung zu bewegen. Ob sie in diesem Zusammenhang Personalien feststellten um das Geschehen zur Anzeige zu bringen, war vom Fenster aus nicht wahrnehmbar. Da die Anwendung von Gewalt offensichtlich unverhältnismäßig gewesen wäre, zog die Polizei dann ab und ‚die Party‘ ging mit einigen Beteiligten noch bis nach Mitternacht.

Ein Argument für gezieltes ‚Angst-machen‘???

 

Nachgedanken – Demokratie als ein Bündel von Individualrechten?

Was fand da statt? Das waren ja keine Hooligans, keine Rechten oder Reichsbürger und auch keine linken Anarchisten sondern ganz normale Bürger, die da der Durchsetzung eines gültigen Gesetzes mit großer Selbstverständlichkeit trotzten. Dass die Situation dabei nicht, wie zu anderen Gelegenheiten, eskalierte, war dabei dem Augenmaß der Einsatzleitung der Polizei zu verdanken.

   Natürlich ist das Verhalten der Bürger in dieser Situation einerseits – gegenüber einem einfachen Befolgen der Regeln in einem Obrigkeitsstaat – positiv als autonome Mündigkeit in der Situation zu sehen. Auf den zweiten Blick wird diese einfache Ignoranz der gesetzlichen Gegebenheiten und das Handeln allein nach dem je individuellen Dafürhalten, der ‚Mündigkeit‘ – „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! [Hervorh. i. Orig.]“ (Kant 1784/1999, S. 20) – eben doch nicht gerecht, da diese rein individuelle verwirklichte Seite der Mündigkeit gleichzeitig den von Kant reklamierten kategorischen Imperativ „handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“ (Kant 2012, 53 f) negiert. Die von Kant geforderte Mündigkeit realisiert sich eben erst dann, wenn der Verstand sich in Relation zu Anderen und Anders­denkenden erkennt und verantwortet.

   Aus eben solchen Überlegungen heraus wurde denn auch in Folge der Aufklärung die an den Diskurs der Bürger gebundene antike Demokratie als die diesem dialektischen Verhältnis von individueller Mündigkeit und Entscheidungen der Diskursgemeinschaft entsprechende Staatsform anerkannt. Die dabei notwendige Modernisierung, diese Entscheidungsgemeinschaft nicht nur auf eine elitäre Gruppe von Männern zu beschrän­ken, sondern das Mitwirkungsrecht auf alle Menschen einer Gemeinschaft auszudehnen, machte mit dem Frauenwahlrecht (Deutschland 1918, in Europa bis Mitte 20. Jahrhundert) zwar einen großen Schritt vorwärts, ist aber sicher (Jugendliche, Migranten) noch nicht abgeschlossen.

   Bis zum zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts wurde dieses Prinzip in der Breite der Bevölkerung nie wirklich in Frage gestellt, sondern auch und gerade bei den Auseinander­setzungen in ‚den 68ern‘ gegenüber Anmaßungen von Politikern und Regierungen als Maßstab für die Qualität der Gesellschaftsprozesse benutzt! Zu einer Erosion dieser Akzeptanz der Demokratie als gültiger Rahmen der Gesellschaft kam es, nach meiner Meinung, zum einen durch die letztlich ungeahndeten Rechtsbrüche des Bundeskanzlers Kohl und des Ministerpräsidenten von Hessen Koch im Zusammenhang mit der CDU Spendenaffäre, da die Demokratie hier selbst durch ihre höchsten Repräsentanten ihrer Legitimität beraubte wurde einerseits und durch eine zunehmende Durchsetzung von ‚Schatten-Agenden‘ von mächtigen internationalen häufig verdeckt agierenden Lobbygruppen. Die Bertelsmann Gruppe, die in Deutschland sehr regierungsnah und politisch breit agiert, möchte ich dabei besonders erwähnen, da diese Stiftung ihre entsprechende Strategie jenseits demokratischer Strukturen sogar veröffentlicht hat (vgl.: Rüb et al. 2009, 64 f).

   Dieses Gefühl, der Rechtsbeugung für und durch führende Volksvertreter, der weit­gehenden Bedeutungs­losigkeit von Wahlen im Zusammenhang mit dem mächtigen Lobbyismus und das Ausgeliefertsein an die erlebte ‚Alternativlosigkeit‘ der Globalisierung führte und führt heute logisch dazu, dass ‚die Demokratie‘ von immer größeren Gruppen als eben eine solche Lüge wahrgenommen wird wie ‚der Sozialismus‘ der DDR, was nationalen und anders totalitären Populisten in die Hände arbeitet. Was dabei aber auch geschieht, und das ist für die weiteren Überlegungen sehr wichtig, ist, dass die Menschen in einer solchen Gesellschaft vereinzelt, letztlich auf die Orientierung ihres Handelns allein an ihrem Eigennutz zurückgeworfen sind. Damit werden Sie aber automatisch zu Agenten der Ihnen verordneten neoliberalen Agenda, da es in solchen rein funktionellen Strukturen nur sehr schwer möglich ist, mehr als nur EIGEN-Sinn zu entwickeln, was sich auf die gesamte Welt- und insbeson­dere die Problemwahrnehmung in dieser auswirkt!

 

Weltbeherrschung als Illusion der Aufklärung und die Corona Pandemie

Damit knüpft dieses Welt- und Menschenbild heute aber direkt an das 19. Jahrhundert mit seiner Vorstellung der grundsätzlichen technischen Beherrschbarkeit der Welt an. In dieser Sicht sind auftauchende Probleme im Allgemeinen prinzipiell lösbar. Fortdauernde Schwierig­keiten sind in dieser Sicht immer nur Hinweise auf Lücken im Wissen um die jeweiligen Zusammenhänge.

   Was dagegen am Ende des 19. Jahrhunderts im Bereich der Mathematik (Poincare) allerdings schon erahnbar wurde, wurde, auch auf der Basis der Fortschritte der Computertechnik, zur Mitte des 20 Jahrhunderts hin immer klarer, nämlich dass rekursive Prozesse, d.h. solche, bei denen wiederholte Vorgänge so miteinander verquickt sind, dass ein Vorgang zu einem Zeitpunkt Wirkung auf den entsprechenden Vorgang zu einem späteren Zeitpunkt hat usw., komplexe dynamische Systeme bilden, die grundsätzlich nicht vorhersagbar sind. Dies betrifft aber nun alle Lebens- und damit auch alle Gesellschaftsprozesse, die alle als fortlaufende aber NICHT notwendigerweise kontinu­ierliche Prozesse angesehen werden müssen.

   In der Entwicklung dieser Systeme gibt es empfindliche Phasen, in denen diese auch nicht mehr, wie zu Zeiten ihrer Stabilität, statistisch beschreibbar sind, sondern evtl. durch UNBEDEUTENDE (!) Kleinigkeiten verändert werden können (‚der Flügelschlag des Schmetterlings, der den Hurrikan auslöst‘), wobei sich die Veränderung dann aber als zukünftige Basis erst einmal stabilisiert.

   Dies ist nun auch der Grund für den so Unterschiedlichen Verlauf der Pandemie in verschiedenen Ländern. Das Virus verhält sich zwar immer gleich, findet aber sehr verschiedene Bedingungen vor, was wiederum auf die Verbreitung des Virus Einfluss hat. Karl Lauterbach hat das in einem Talk-Show Beitrag eindrucksvoll ehrlich und für unsere Zusammenhängen klar gezeigt. Er sagte die guten Zahlen in Deutschland seien zu 20% auf die politischen Maßnahmen und zu 80% auf das Glück zurückzuführen, dass der heftige Ausbruch in Italien genügend früh und drastisch die Gefährlichkeit des Virus gezeigt hätte, so dass man in Deutschland sehr früh Maßnahmen gegen die Verbreitung starten konnte und in der Bevölkerung auf Grund der Nachrichten aus Italien auch schnell eine hohe Akzeptanz für die Maßnahmen erreicht hätte. Ob der Gedanke nun richtig ist oder falsch, er zeigt zumindest das Zusammenspiel verschiedenster Wirkgrößen, das Ansteckungsverhalten des Virus (das bis heute nicht ganz klar ist) Gesundheits- aber auch Kultur- und Sozialdaten in den verschiedenen Ländern, die erst in ihrem Zusammenhang das jeweilige Phänomen entstehen lassen.

 

Polyfaktorielle Rekursion als Lebensrealität im Spiegel der Corona Pandemie

Bei der Ausbreitung des Coronavirus handelt es sich offensichtlich um so ein polyfaktorielles dynamisches Geschehen. Dieses wechselwirkt zudem mit dem ebenso polyfaktoriellen dynamischen Geschehen der Ökonomie über die getroffenen Maßnahmen. Unter solchen Bedingungen hat es gar keinen Sinn zu versuchen, dass System komplett zu verstehen, bevor man handelt und es ist ebenso müßig sich hier um die ‚Richtigkeit‘ oder ‚Falschheit‘ der einen oder anderen Perspektive auf das Geschehen zu streiten. Letztlich sprechen solchen Aussagen immer nur einzelnen von vielen Attraktoren in dem komplexen System hegemoniale das System insgesamt kausal determinierende Bedeutung zu. Damit wird eine solche Sicht automatisch unterkomplex und damit in solchen Zusammenhängen irreal.

   Nichtsdestotrotz nimmt dieses Insistieren auf die ‚Rechtheit‘ des eigenen Dafür­haltens im Rahmen der Corona Pandemie in Verbindung mit den Sozialen Netzen, die entsprechende ‚Selbstvergewisserungsblasen‘ zur Verfügung stellen, solche Formen an, dass jüngst die Nachricht viral verbreitet wurde: EILMELDUNG: Erstmals mehr Corona-Experten als Infizierte. Obwohl dies offensichtlich in kabarettistischer Absicht erfolgte, habe ich angesichts der Meinungs- und Empörungswogen im Internet dennoch den Eintruck, dass die Aussage auch faktisch stimmt.

   Das der Realität eines solchen Geschehens angemessene Verfahren nennt Peirce Abduktion (vgl.: Richter 1995). Hier macht man sich initial eine möglichst zutreffendes in der Regel polyperspektivische und dialektisch spannungsvolles genaue modellhafte Vorstellung von dem Geschehen, allerdings in dem Bewusstsein, das Geschehen letztlich nicht genügend zu verstehen. Im nächsten Schritt testet man diese Annahme in dem man auf der Basis dieser Vorstellungen in und gegenüber dem Geschehen handelt. Die Erfahrungen dabei führen zu Veränderungen und Verfeinerungen des Modells und verändern damit auch die Handlungen und damit die folgenden Erfahrungen, die dann wiederum korrigierend auf das Modell angewendet werden usw. Dieser ‚Dialog‘ mit der komplexen Realität hilft dem Geschehen auf der Spur zu bleiben und immer in höchster Annäherung adäquat zu handeln. Korrekturen sind hier kein Umfallen von einer als richtig angenommenen Position, sondern teil des Erschließungsprozesses der Realität. Die Bedingungen, dieses Verfahren anwenden zu können ist hier weniger eine kognitive als eine geistige Potenz, nämlich die Bereitschaft, auf der Basis von Unsicherheit zu handeln.

   Die durch die Akzeptanz der Unsicherheit möglich werdende mehr-perspektivische Position in diesem Prozess schließt damit immer auch das Bewusstsein der eigenen Fehlbarkeit als Bedingung für dieses Vorgehen mit ein. Natürlich gibt es auch hier vielfältige Möglichkeiten, Vorgänge des Geschehens zu deuten und damit auch unterschiedliche abgeleitete Handlungsoptionen. Wenn es nur um Meinungsaustausch oder Forschung ginge, wären solche Diskrepanzen der Weiterentwicklung der Modelle sogar förderlich, Problematisch wir es allerdings, wenn unter diesen Bedingungen der Unsicherheit gehandelt werden soll und eine ‚Fehleinschätzung‘ evtl. noch vor einer folgenden Korrektur im Falle einer Pandemie viele Tote verursacht.

   Für diesen Fall und der ist im gesellschaftspolitischen Handeln eigentlich immer gegeben, hat Jonas das Prinzip Hoffnung von Bloch (1977), also immer von einer guten Entwicklung auszugehen, besonders wenn die Statistik zudem diese Möglichkeit als wahr­schein­lich zeigt, heftig kritisiert und ihm das Prinzip Verantwortung (Jonas 2003) entgegengesetzt. Dieses besagt, dass man, wenn die Folgen einer negativen Entwicklung nicht tolerierbar sind, von dieser Entwicklung ausgehen muss, auch wenn die Wahrscheinlichkeit einer solchen Entwicklung verschwindend gering ist. Hierzu passend Gramscis Diktum Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens (H. 28, §11) (Gramsci und Meinert 2012, 2232).

   Letztlich beschreibt dies auch den Verlauf der Maßnahmen wegen der Corona Pandemie in Deutschland, wo nach einer ersten sehr umfassend radikalen zentralen Aktion differenzierende Positionen von verschiedensten Gruppen, neben Politik, Wissenschaft und Verfassungs- und Verwaltungsgerichten auch Positionierungen von Bürger- und Interessensgruppen verschiedenster Couleur zunehmend modifizierend wirksam werden. Gelähmt wird dieses gesellschaftliche Fluktuieren um den richtigen Weg durch Positionen, die von der Absolutheit ihres eigenen Dafür-haltens überzeugt sind, was zu unendlichen Schwarz-Weiß-Auseinandersetzungen führt, so aber keinen Beitrag zum zunehmend differenzierten Handeln in der Situation bietet, ja eine produktive Steuerung massiv behindert.

   D.h. dass viele Bürger, denen die Fähigkeit zum Handeln auf der Basis von Unsicherheit in der neoliberalen ‚Pseudo-Demokratie‘, durch die Allgegenwart reduktionistisch funktioneller Steuerungsstrukturen – in komplexen Systemen ist, wie gesagt, ein allein evidenzbasiertes Handeln, wie es hier gefordert wird, prinzipiell nicht möglich! – zerschlissen wurde, wieder entwickeln müssen.

   Wesentliche Einflussfaktoren ist hier zum Einen ein Bildungssystem, dass nicht primär an der Aneignung von funktionellem Wissen und entsprechenden kompetenten *Outcomes* orientiert ist, sondern diese Aneignung aus einer kooperativen – und damit immer vielperspektivischen (!) – Kultur des Lernens heraus als einen vielfältigen und immer auch fehlerbehafteten Erschließungsprozess der Welt gestaltet (vgl. hierzu: Elkana und Klöpper 2013). In diesem entwickelt sich der EigenSinn aller Beteiligten und die schillernde vielgestaltige allgemeine Bedeutung der Gruppe parallel. (By the way, das würde auch das heute übliche multikulturelle Zusammenleben erheblich erleichtern)

   Zum Anderen müsste eine bedingungslose Grundsicherung, den Menschen die existenzielle Sicherheit bieten, die notwendig ist, wenn über die alltäglichen Überlebens­funktionen hinaus (multi-)kulturelle Perspektiven bei allen Bürgern möglich werden sollen

 

‚Plötzlich sozialistisch?‘ – Chancen im dynamischen Stadium komplexer Systeme: politische Arbeit als Attraktor

Kommen wir abschließen noch einmal auf den Titel zurück. Das Problem des ‚Rechthaben-wollens‘ in Bezug auf die komplexe und deshalb in letzter Konsequenz unberechenbare Welt wurde schon ausführlich besprochen, aber warum poppen gerade jetzt bei der Corona-Krise diese Meinungen so hoch? Und warum kommen sie mit einer hohen Vehemenz nach meinem Eindruck zu einem recht hohen Teil von Menschen, die ich dem etablierten linksliberalen Bürgertum zurechnen würde?

   In dieser Schicht ist die Pippi Langstrumpf als ein starkes, autonomes Kind, zudem ein Mädchen, natürlich und begrüßenswerter ein Ideal. Das entsprechende Lied, – „Ich mach mir die Welt vidi-vidi wie sie mir gefällt“ –, das es immerhin bis in den Bundestag geschafft hat[1], steht dabei für ein Lebensgefühl einer ganzen Generation, zu der ich mich durchaus auch zählen muss. Was bei dieser Verehrung immer übersehen wurde ist, dass Pippi das alles nicht alleine wegen Ihrer Kraft und ihrem Mut, sondern zu großen Teilen auch wegen des riesigen Goldschatzes, den ihr ihr Vater hinterlassen hatte, geschafft hat.

   Ganz gleich übersieht unsere Generation bei sich selbst das Glück ohne Krieg aber nach einem Krieg und mit dem Wirtschaftswunder der Aufbaujahre aufgewachsen zu sein – unsere Goldkiste! Hieraus ergab sich in Verbindung auch mit dem technischen Fortschritt (Garage Kids, Silikon Valley) ein Lebensgefühl, des ‚everything goes‘. Die vielfältigsten Lebensformen schienen lebbar und mit der Wiedervereinigung schien auch noch das letzte Problem, der Kalte Krieg weggefallen. Die Restrisiken, Abschaffung der Atomkraft, der Aufbau einer klimafreundlichen Energieversorgung, alles das schien letztlich nur eine Frage der politischen Durchsetzung und letztlich technisch erreichbar und lösbar zu sein. Das beherrschende Moment dieser Kultur war das der individuellen Freiheit sowie der Kontrolle und Sicherheit.

   ‚Übersehen‘ – besser verdrängt – bei alledem war, dass der weitaus größten Teil der Menschheit diese Erfahrung nicht annähernd teilen konnte, da er unter existenziell prekären Bedingungen zu leben gezwungen ist, in Teilen zudem um unsere Lebensform ökonomisch zu sichern. So ist es typisch hierfür, dass in Europa gegen TTIP und CETA gekämpft wird, aber nicht gesagt wird, dass Zentralafrika von der EU das Freihandelsabkommen EPA aufgezwungen wurde, wodurch unsere Agrarüberschüsse dort zollfrei gehandelt werden können und damit der zentralen Infrastruktur des Landes, den Kleinbauern, die existenzielle Grundlage entzogen wird.

   Es gäbe hier noch viele Beispiele (Rüstungsindustrie, ‚zweifelhafte‘ Wirtschafts- und politische Partnerschaften…), die ja letztlich auch diskutiert werden. Mir geht es hier aber nicht um die Moral all dessen, das wäre ein eigener Artikel. Mir geht es um die Lebens- besser die Erlebensform, die eben von Sicherheit geprägt ist. Es zeigt sich mir in diesen Überlegungen, dass nicht nur die abhängig Beschäftigten, die in ihrer Funktionalität an das herrschende Neoliberale Marktkonzept gebunden funktionieren müssen, sondern vor allem auch der Mittelstand, zu einer Schicht von BewahrerInnen des ‚status quo‘ geworden sind. Dies gilt auch für Kritiker des Systems, die die gewohnten Bahnen ihrer Argumente ja häufig geradezu ritualisiert verteidigen und damit, indem sie die Qualität der Demokratie nachweisbar machen, ohne den Status-quo letztlich zu gefährden letztlich an mit an dem gemeinsamen Haus der Gewohnheit bauen.

   Mit der Corona-Pandemie war nun schlagartig alles anders. Es gab einen bestimmenden Prozess dem man sich weltweit nicht entziehen konnte und der auf Grund der wirtschaftlichen Folgen voraussehen lässt, dass der kommende Wiederaufbau, die Welt vermutlich in einer Weise verändern wird, wie dies vergleichbar bisher nur Kriege in der Lage waren. Die aufgewiesene ‚Rechthaberei‘ mit ihrem Insistieren auf einfachen  - gewohnten – Erklärungsmodellen stellt sich in dieser Sicht als nichts anderes als die Angst vor dem Kontrollverlust dar.

   Beziehen wir uns dagegen auf das hier entworfene Modell des Umgangs mit komplexen Systemen und akzeptieren unsere Unsicherheit und unser letztliches Nichtwissen in dieser Situation (Redialektisierung durch Corona?), so gibt es über­raschende Hinweise auf Möglichkeiten, die sich aus der Situation heraus ergeben können.

  • Die Beobachtung in der U-Bahn, zumindest in der Anfangszeit des ‚Abstandshaltens‘, dass man sich beim Ausweichen angeschaut hat, sich häufig angelächelt hat – was man auch hinter einer Maske und auch einem Niqab durchaus wahrnehmen kann! – ja z.T. sogar grüßte, während früher der Blick auf das Handy jeden Kontakt unterband. – Resozialisierung durch Corona?
  • Die geschätzten ‚Helden des Alltags‘ werden sie wieder in ihre ehemalige Lage nahe dem Prekariat zurücksinken. Gesellschaftliche Solidarität, bedingungsloses Grundein­kommen und Lohnge­rechtigkeit durch Corona?
  • Die Unterstützung von Kleinbetrieben und mittleren Unternehmen einerseits und die Verweigerung von Unterstützungshilfen für solche Unternehmen, die weiter Boni und Dividende ausschütten. Relativierung des Finanzmarktes zu Gunsten realer Marktteilnehmer durch Corona?
  • Auseinandersetzung bei der Unterstützung großer Unternehmen (Lufthansa) ob diese Unterstützung in Form einer Beteiligung ablaufen soll. Wenn nicht Verstaatlichung so doch Ansprüche an Großunternehmen von Schlüsselindustrien und -leistungen: Aktiver Staat durch Corona?
  • Neustart unter Berücksichtigung der Klimaziele wird diskutiert. Green Deal durch Corona?
  • Die Bedeutung von Präsenzlehre, Kooperation und Diskurs wird deutlich: Bildung auf der Basis von Unsicherheit und dem Bildungswert selbst erkannter Fehler und Korrek­turen rückt gegenüber reiner Aneignung in den Vordergrund durch Corona?

Ist all das utopisch? Träumereien eines hoffnungslosen Optimisten? Mag sein. Aber ganz so hoffnungslos ist das aber eben nicht, gilt doch das große Beharrungsvermögen komplexer Systeme nur für die stabilen Phasen. In dynamischen Phasen dagegen werden solche Systeme, wie ich gezeigt habe, gegenüber Einflüssen extrem empfindlich. In dieser Situation kann Engagement viel erreichen, wenn man nicht einfach gewohnte Kritik zitiert, sondern an Möglichkeiten wie meinen Beispielen ansetzt, die diese Dynamik gerade hervorbringt. Verstärkt wird die Wirksamkeit natürlich, wenn sich Gruppen auf ein Wirken im Sinne solcher Ziele einigen können.

 

Ich beende diesen Text mit meinem diesjährigen Ostergruß an Familien und Freunde:

 

Ich bin ja der Meinung, dass solche 'Störungen' auf der Zeitreise eigentlich Ausdruck eben des Lebens sind, IMMER Neues hervorzubringen und damit immer auch die Potenz zum Guten hin zu haben

(verschwurbelter Satz eines hoffnungsvollen Materialisten :-) )

In diesem Sinne, lasst uns daran arbeiten!

(Ostergruß aus dem Abstand; 2020)

 

 

Literatur

1    Bloch, Ernst (1977): Das Prinzip Hoffnung. 4. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

2    Elkana, Yehuda; Klöpper, Hannes (2013): Die Universität im 21. Jahrhundert. Für eine neue Einheit von Lehre, Forschung und Gesellschaft. 1. Aufl. s.l: edition Körber-Stiftung. Online verfügbar unter http://ebooks.ciando.com/book/index.cfm/bok_id/833273.

3    Frances, Allen (2013): Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen. Unter Mitarbeit von Barbara Schaden. 1. Aufl. Köln: DuMont Buchverlag.

4    Gramsci, Antonio; Meinert, Joachim (2012): Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe auf Grundlage der von Valentino Gerratana im Auftrag des Gramsci-Instituts besorgten Edition, Reprint der Erstausgabe. Hg. v. Klaus Bochmann und Wolfgang Fritz Haug. Hamburg: Argument.

5    Jonas, Hans (2003): Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

6    Kant, Immanuel (1784/1999): Was ist Aufklärung? Ausgewählte kleine Schriften, mit einem Text zur Einführung von Ernst Cassirer. [Berlinische Monatsschrift, Dezember 1784, S. 481-494]. 1. Aufl.: Felix Meiner Verlag GmbH (Philosophische Bibliothek, Bd. 512). Online verfügbar unter http://site.ebrary.com/lib/alltitles/docDetail.action?docID=10485255.

7    Kant, Immanuel (2012): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. [Nachdr.]. Stuttgart: Reclam (Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 4507).

8    Richter, Ansgar (1995): Der Begriff der Abduktion bei Charles Sanders Peirce. Frankfurt am Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien: Lang (Europäische Hochschulschriften : Reihe 20, Philosophie, Bd. 453).

9    Rüb, Friedbert W.; Alnor, Karen; Spohr, Florian (2009): Die Kunst des Reformierens. Konzeptionelle Überlegungen zu einer erfolgreichen Regierungsstrategie. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung (Zukunft Regieren - Beiträge für eine gestaltungsfähige Politik, 3).

 

Peter Rödler (proedler@uni-koblenz.de)

 

[1]              Laut Roger Willemsen (Das Hohe Haus – ein Jahr im Parlament; Hörbuch) hat Andrea Nahles am 3.9.14 diesen Teil aus dem Lied im Rahmen einer Rede vor dem Deutschen Bundestag gesungen.

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