Auf dem Weg zu einer Allgemeinen Pädagogik ohne Rest
Auf dem Weg zu einer Allgemeinen Pädagogik ohne Rest 

Anthropologie / Sprache

Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass alle menschlichen Eigenschaften und Produkte (Religion, Kunst als Weltinterpretation, politische Ideologien, Philosophie, Moral, Verantwortung, Freiheit, Mündigkeit …) ohne die Annahme einer biologischen Undeterminiertheit (Unbestimmtheit) nicht gedacht werden können. Die Unbestimmtheit wird damit im Sinne einer „absoluten Präsupposition“ zum unhintergehbaren Ausgangspunkt aller auf den Menschen und seine Welt bezogenen Überlegungen, Modelle und Theorien, d.h. zur zentralen Evidenz nicht nur für die Philosophie, sondern insbesondere auch für die Pädagogik, die sich ja gerade der qualifizierenden Entwicklung des Individuums in dieser gemeinsam erzeugten Welt widmet.

 

Gleichzeit ist im Zusammenhang mit den Thesen Singers festzustellen, dass dieser anthropologische Zentralpunkt die Unbestimmtheit im Gegensatz zu spezifisch menschlichen Potenzen wie Vernunft, Freiheit, Reflexivität …, zu denen menschliche Entwicklung führen kann, keinerlei Voraussetzungen auf Seiten der Individuen verlangt, dieser Aspekt als absolut, d.h. unbedingt gültig und auf alle lebenden Menschen anwendbar angesehen werden muss.

 

Ausgehend von dieser Evidenz der Unbestimmtheit stellt sich das biologische Funktionieren aller Menschen jenseits sozialer Ergänzungen allerdings als außerordentlich bedroht dar. Der Grund hierfür ist die Tatsache, dass bei jedem Lebewesen zur Generierung von Informationen aus den Daten, die die Sinnesreize zur Verfügung stellen, ein Bezugspunkt existieren muss, auf den hin diese Daten ausgewertet, d.h. in Informationen überführt werden. Metaphorisch verkürzt: Es braucht eine Erwartung/Frage, um aus den Reizen/Daten eine Antwort/Information zu generieren (vgl. Rödler, 2000, p. 167 ff).

 

Bei Tieren wirkt hier der Instinkt als innerer Organisator, d. h. als Grundlage und Bezugspunkt der Wahrnehmungsverarbeitungs- und Denkprozesse. Die Notwendigkeit von Zielen, d.h. Bedeutungen, ergibt sich also nicht allein für die Orientierung von Handlungen, sondern schon auf der Ebene der Wahrnehmung, deren Kohärenz erst auf der Basis gegebener bedeutungsvoller Relationen zwischen „Innen“ und „Außen“ als Organisatoren des Wahr-nehmungsprozesses möglich ist.

 

Bei Menschen entfällt dieser biologische Organisator (Unbestimmtheit). Biologisch ist der einzelne Mensch deshalb zu einer Erzeugung und Aufrechterhaltung seiner Organisation (Autopoiese) im Unterschied zu Tieren nicht in der Lage! Erst die Deutungshilfen aus dem sozialen Umfeld (strukturelle Koppelung) im Rahmen der frühen Versorgung („baby talk“) durch Repräsentanten der kulturellen Umwelt versetzen das Baby in die Lage, sich auf der Basis dieses sozialen Materials einen eigenen Organisator (Sinn, später reflexiv: „Ich“) zu generieren, auf der Basis eines fortdauernden kulturellen Austauschs zu erhalten und differenzierend zu entwickeln (Buber, 1965).

 

Die diesem Dilemma innerlichen „Gattungsfragen“ – „Wer bin ich?“„Was ist die Welt?“„Was soll ich tun?“ – bestimmen also nicht erst philosophische Diskurse, sondern stellen die Grundlagen menschlicher Begegnung von Geburt an dar: Die Art wie ein Baby gehalten wird, wie mit ihm gesprochen, wie auf seine Signale reagiert wird, stellen die ersten Antworten auf diese Fragen dar, die sich alleine aus der biologischen Existenz des Babys in der – kulturellen – Menschenwelt unmittelbar ergeben. Die Art der Achtsamkeit auf seine Reaktionen und Signale gibt ihm dabei ein Bild seiner Subjekthaftigkeit, welches es mit dem Bewusstwerden des ICH’s nachvollzieht bzw. aneignet.

 

Menschen realisieren sich also in und gegenüber einem gegebenen sozialen Rahmen selbst. Sie bilden sich in und gegenüber dem von ihnen gemeinsam gebildeten Zeichenraum[1].

 

Diese (Selbst-)Bildung ist jedem Menschen schicksalhaft eingeschriebener Auftrag, ohne dessen Realisierung seine biologische Organisation zusammenbräche. Jeder Mensch bildet sich, wie schwer beeinträchtigt auch immer, solange er oder sie lebt bis in die Organisation seiner neuronalen Netze hinein (Caspary, 2012). Allein die lebendige Existenz jeweils individuell gewordener Realität beweist deren Bildung, d.h. Menschen sind, solange sie leben, und unabhängig von irgendeiner funktionellen Leistungsfähigkeit, grundsätzlich bildungsfähig.

 

Die in dieser Bildung erkennbare Anthropologie ist inklusiv!

 

LITERATUR:

 

Buber, M. (1965). Das dialogische Prinzip. 4. Aufl. Heidelberg: Schneider.

Caspary, R. (2012). Lernen und Gehirn. Der Weg zu einer neuen Pädagogik. 7. Aufl. Hamburg

Rödler, P. (2000). Geistig behindert: Menschen, lebenslang auf Hilfe anderer angewiesen? Grundlagen einer basalen Pädagogik. Neuwied 

Singer, Peter (1979). Praktische Ethik (Erstveröff.: 1979). 2. Aufl. Stuttgart: Reclam

 

[1]     In fact, therefore, men and words reciprocally educate each other; each increase of a man’s information involves and is involved by, a corresponding increase of a word’s information (CP 5.313)- – Tatsächlich erziehen sich Menschen und Worte deshalb gegenseitig; Jede Steigerung der Information eines Menschen beeinflusst und wird beeinflusst durch eine entsprechende Zunahme der Information eines Wortes (Peirce 1931–1935, S. CP 5.313).

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© Peter Rödler